Corvinusbecher
(~1470 bis ~1490)


Stadtmuseum Wiener Neustadt

Der so genannte "Corvinusbecher", ein 81 cm hoher, silberner, teilweise vergoldeter und reich mit ungarischem Drahtemail verzierter Deckelpokal, befindet sich nachweislich seit 1741, wahrscheinlich aber schon seit Ende des 15. Jahrhunderts im Besitz der Stadt Wiener Neustadt.
Die Verbindung des Pokals mit dem ungarischen König Matthias Corvinus (1458-1490) besteht spätestens seit dem 18. Jahrhundert.
Auf diese Tradition bezieht sich auch die den Deckel bekrönende, kleine Figur. Ein kniender Ritter hält einen Schild, der auf der Rückseite die Jahreszahl 1462, auf der Vorderseite die Devise Kaiser Friedrichs III. AEIOU mit dem Doppeladler sowie das Monogramm des Matthias Corvinus und dessen Wappentier, den Raben mit einem Ring im Schnabel, trägt. Im Ratsprotokoll wurde im Jahr 1741 eingetragen, dass der Rat anlässlich der Geburtstagsfeier Josephs II. am 14. Mai 1741 aus dem kostbaren Pokal getrunken habe, den der ungarische König "Matthia Corvino der Statt Neustadtt" wegen ihrer dem Haus Österreich erwiesenen "Treu und Tapfer gegenwöhr annoch im Jahre 1462 zum ewigen andenkckhen" geschenkt habe.
Dieser Eintrag vermischt vermutlich zwei mit Matthias Corvinus im Zusammenhang stehende Ereignisse: die Vertragsverhandlungen von 1462/63 und die Übergabe der ungarischen Stephanskrone einerseits und die Belagerung und Eroberung Wiener Neustadts 1487 andererseits. Die Herkunft des Corvinusbechers wird daher auch verschieden erklärt: So soll er anlässlich der Rückgabe der Stephanskrone durch Kaiser Friedrich III. im Jahr 1463 ein Geschenk des ungarischen Königs an den Kaiser gewesen sein. Nach einer anderen Version hätte Friedrich III. den Pokal als Geschenk für den Ungarnkönig vorgesehen, ihn aber wegen plötzlich auftretender Unstimmigkeiten nicht überreicht. Nach einer anderen Tradition hätte Matthias Corvinus den Pokal nach der Eroberung Wiener Neustadts 1487 der Stadt geschenkt, um sie für ihren tapferen Widerstand zu ehren.
Verschiedenen Stilmerkmalen zufolge würde der Pokal eher in die Zeit um 1480 passen. Ein Medaillon auf der Innenseite des Pokaldeckels, das einen Schild mit dem Brustbild eines Ritterheiligen zeigt lässt sogar die Möglichkeit offen, dass Friedrich III. den Pokal für den von ihm gegründeten und 1479 in Wiener Neustadt angesiedelten St. Georgs-Ritterorden bestimmt hatte. Neuere Untersuchungen zweifeln allerdings überhaupt an einer Beziehung des Prunkpokals zu den beiden Herrschern.
Als Hersteller des Kunstwerks wird der zwischen 1451 und 1490 in Wiener Naustadt nachweisbare Goldschmied Wolfgang Zulinger angenommen (Punze "Z" am Pokalfuß). Er war ein Verwandter und Schüler des aus Siebenbürger stammenden Wiener Neustädter Goldschmieds Siegmund Langenauer, genannt Walloch", was die geschickte Verwendung von ungarischem Drahtemail erklären könnte.
(Quelle: G. Gerhartl, Stadtmuseum Wiener Neustadt, Katalog, 1995, Nr. 108, S. 184)