Ortsgeschichte
An der nördlichen Stadtgrenze Wiens liegt die Stadt Gerasdorf, deren Gemeindegebiet heute die Katastralgemeinden Gerasdorf, Kapellerfeld und Seyring umfasst.
Das ursprüngliche Angerdorf wird erstmals im Klosterneuburger Traditionsbuch in einem um 1200 anzusetzenden Eintrag mit Sophya de Gerhardesdorf und Vlricus de Gerhardesdorf fassbar. Die Frühform des Ortsnamen lässt deutlich die Ableitung erkennen: „ein Dorf, benannt nach einem Mann namens Gerhard“. Die Gründung des Ortes dürfte allerdings bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts erfolgt sein. 1258 war Gerasdorf dann Passauer und landesfürstlicher Besitz.
Durch die ungeschützte Lage am westlichen Rand des Marchfeldes war Gerasdorf nahezu von jedem feindlichen Angriff betroffen: 1428 zerstörten die Hussiten den Ort, 1529 osmanische Truppenteile; 1605 waren es die Heiducken, während des Dreißigjährigen Krieges schwedische Soldaten. 1805 und 1809 hatte Gerasdorf unter napoleonische Truppen zu leiden; während des Krieges gegen die Preußen 1866 verlief der Wien schützende Schanzengürtel durch Gerasdorfer Gebiet.
Die im Südosten des Dreieckangers leicht erhöht gelegene Kirche war während feindlicher Angriffe für die Bevölkerung Zufluchts- und Bergungsstätte. Eine starke Mauer umgab die Kirche und den Friedhof. Noch 1809 wurde der Friedhof von österreichischen Truppen als Festung genutzt. Die Anfänge der den Aposteln Petrus und Paulus geweihten Kirche reichen in das 13. Jahrhundert zurück: 1258 wird sie bereits in einem Zehentverzeichnis des Hochstiftes Passau erwähnt. Während des Hussiteneinfalls 1429 wurde die gotische Ostturmkirche zerstört und wieder aufgebaut. Von diesem Bau ist noch der spätgotische Chor erhalten, das Langhaus wurde Ende des 17. Jahrhunderts um- und ausgebaut. 1730 ließ Adam Anton Konstantin Graf Grundemann, Inhaber der Herrschaft Süßenbrunn, die das Patronatsrecht innehatte, den Pfarrhof errichten.
1795/96 verzeichnete der Topographische Landschematismus für das Dorf 100 Häuser. Das Landgericht und die Ortsobrigkeit übte die Herrschaft Süßenbrunn aus. Untertanen und Grundholden gehörten zu den Grundherrschaften Süßenbrunn, Stammersdorf, Stift Klosterneuburg und Bisamberg. Schweickhardt beschrieb um 1834 in seiner Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Ens den Ort als bedeutendes Kirchdorf mit 113 Häusern, in denen 148 Familien mit 270 männlichen, 336 weiblichen Personen und 98 schulpflichtigen Kindern lebten. Der Viehstand belief sich auf 126 Pferde, 325 Kühe, 270 Schafe, 7 Ziegen und 43 Schweine. An Gewerben waren zwei Schneider, drei Schuhmacher, ein Wagner, ein Tischler, ein Kammmacher, zwei Hufschmiede, ein Zimmermeister, ein Binder und ein Fleischhauer vertreten. Zwei Gastwirte versorgten die Bewohner:innen mit Speis und Trank. Acker- und Weinbau schufen die Lebensgrundlagen für die Bevölkerung.
Nach Aufhebung der Grundherrschaft wurde Gerasdorf eine eigenständige Gemeinde mit der Katastralgemeinde Kapellerfeld. Sie unterstand dem Bezirksamt Wolkersdorf und dem Untersuchungsgericht Enzersdorf und zählte laut Eintragung im Alphabetischen Verzeichnis sämmtlicher Orte des Kronlandes Niederösterreich 686 Einwohner:innen.
Im 20. Jahrhundert wurde Gerasdorf zu einem beliebten Wohngebiet. Schon in der Zwischenkriegszeit entstanden im Gemeindegebiet die beiden Siedlungen Oberlisse und Kapellerfeld. Der Ortsname Kapellerfeld erinnert an das im 16. Jahrhundert verödeten Capellen, das schon 1258 im Passauer Zehentverzeichnis erwähnt wird, im Besitz des Wiener Schottenklosters war und im Franziszeischen Kataster als Katastralgemeinde ohne Häuser aufgeführt wird.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde Gerasdorf in Groß-Wien eingegliedert und gehörte zum 22. Bezirk Groß-Enzersdorf. In der Zeit des 2. Weltkriegs befand sich in der Katastralgemeinde Seyring ein Luftwaffenstützpunkt der Deutschen Wehrmacht, bei der Anlage handelte es sich wohl um die damals bedeutendste und größte im Raum Wien. Der Flughafen wurde 1944 und 1945 bombardiert und großteils zerstört. Der enorme Mangel an Arbeitskräfte führte dazu, dass die Gauarbeitsämter Wien und Niederdonau ab Mai 1944 arbeitsfähige Jüdinnen und Juden als Zwangsarbeiter:innen für die Rüstungsindustrie, Gewerbebetriebe und für die Landwirtschaft anforderten. Auch in Gerasdorf wurde 1944 ein Arbeitslager für ungarische Juden und Jüdinnen errichtet, in dem ca. 280 Männer, Frauen und Kinder interniert waren. Da ihr Einsatz in der Landwirtschaft erfolgte, wurde das Lager nach Abschluss der Erntearbeiten aufgelöst; seine Insassen wurden in andere Lager deportiert.
Mit dem Gebietsänderungsgesetz vom 1. September 1954 wurde Groß-Wien aufgelöst, Gerasdorf wurde wieder eine eigenständige Gemeinde. Auf Basis der „Gesetze über die Verbesserung der Kommunalstruktur in Niederösterreich“ schlossen sich mit Wirkung vom 1. Jänner 1972 Gerasdorf und Seyring zusammen. 1984 begann man mit dem Bau des Marchfeldkanals (Fertigstellung 1992), der auch das Stadtgebiet von Gerasdorf durchschneidet. Mit Bescheid vom 22. September 1987 verlieh die Niederösterreichische Landesregierung der Gemeinde ein Wappen: In einem durch einen blauen Wellenbalken erhöht geteilten goldenen Schild fünf rote Kreisflächen, drei oberhalb, zwei unterhalb des Wellenbalkens; aus dem Schildesfuß wachsend zwei gekreuzte rote Speere. Die von der Gemeinde beschlossenen Gemeindefarben Rot-Gelb-Blau wurden genehmigt. Die feierliche Wappenverleihung fand am 4. Juni 1988 statt. Im Jahr 1992 erfolgte die Erhebung zur Markgemeinde, seit 1998 ist Gerasdorf Stadtgemeinde. Am 18. Oktober 2012 fand die Eröffnung des Einkaufszentrum G3 Shopping Resort Gerasdorf bei Wien statt, das als das fünftgrößte Einkaufszentrum Österreichs gilt.
Mit 1. Jänner 2017 wurde der Bezirk Wien-Umgebung, zu dem Gerasdorf gehörte, aufgelöst. Gerasdorf wurde in den Bezirk Korneuburg eingegliedert.
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