Groß-Siegharts


Gemeinde Groß-Siegharts

Ortsgeschichte

Groß-Siegharts, Zentrum der Waldviertler Textilproduktion und einst Mittelpunkt des ehemaligen "Bandlkramerlandls", kann auf fast 200 Jahre Tradition in der Textilerzeugung verweisen. Bis zum rasanten Aufschwung im 18. Jahrhundert war der Ort ein Dorf mit etwa 20 Häusern und einem Rittersitz, der im 12. Jahrhundert von einem örtlichen Adelsgeschlecht, Gefolgsleuten der Grafen von Raabs, gegründet worden sein soll. 1304 wird urkundlich ein Weichart auf dem Siegharcz genannt. Die Burg wechselte im Mittelalter häufig den Besitzer und wurde erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einer großen Anlage ausgebaut (um 1570/1580).

Der Aufstieg zum überregionalen Textilzentrum begann unter den aus Kärnten stammenden Grafen von Mallenthein, die Siegharts 1681 erwarben. Johann Christoph Ferdinand Graf von Mallenthein (1682-1749) warb Facharbeiter aus Schwaben, Mähren und Sachsen an, baute 200 Arbeiterhäuser und forcierte die Schafzucht auf seinen Ländereien. 1725 errichtete er in Verbindung mit der Ostindischen Handelskompanie in Ostende die erste Textilfaktorei, die die Handelskompanie belieferte. Auch wenn er seine Pläne, Groß-Siegharts zu einem Ort mit 1000 Häusern zu machen, nicht ganz verwirklichen konnte, wuchs das Dorf rasch.

Die Pfarrkirche St. Johannes wurde ab 1723 großzügig neu erbaut. Die Pläne stammen von Donato Felice d' Allio, dem Baumeister des Stiftes Klosterneuburg, die Deckenfresken (1727) von Carlo Carlone, der im Auftrag von Prinz Eugen auch Schloss Hof und das Belvedere gestaltete. Zu den kostbarsten Ausstattungsstücken der Kirche gehören eine gotische Marienstatue aus dem 15. Jahrhundert sowie das etwa 1786 entstandene klassizistische Grabmal des Johann Michael Grosser, des Hofjuweliers von Maria Theresia, dessen Sohn die Herrschaft Groß-Siegharts erwarb. Auch das Schloss wurde von Graf Mallenthein repräsentativ ausgestaltet (1710/1720). Die Carlone-Fresken in der Schlosskapelle wurden erst in jüngerer Zeit entdeckt.

Als Mallenthein 1727 das Marktrecht für Groß-Siegharts erwirkte, schien der Ort eine blühende Zukunft zu haben. Aber noch im selben Jahr stellte die Ostindische Handelskompanie ihre Tätigkeit ein und wurde 1731 schließlich aufgelöst. Infolge des Produktionsrückgangs verlor Mallenthein sein Vermögen und verarmte. In der zunächst in große Not geratenen Region entwickelte sich in der Folgezeit eine Hausindustrie. Die in Heimarbeit tätigen Textilhandwerker verlegten sich auf Weberei und Handwirkerei und vertrieben ihre Produkte bis um 1870 in der gesamten Monarchie über ein spezielles System des Hausiervertriebs: die so genannten "Bandlkramer". Ihre Tätigkeit verschaffte dem Gebiet um Groß-Siegharts den Namen "Bandlkramerlandl".

Seit Ende des 18. Jahrhunderts brachte die einsetzende Industrialisierung eine wirtschaftliche Erholung. Es entstand eine Tuchmanufaktur (1777), eine Baumwollweberei (1812), eine Bandmanufaktur (1835), eine Teppichfabrik (1857) und eine Strickwarenfabrik (1879). Vom Übergang zur industriellen Textilproduktion zeugt eine Reihe von Fabriksbauten, die noch immer das Stadtbild prägen.

1928 wurde Groß-Siegharts zur Stadt erhoben und ist noch immer Zentrum der Waldviertler Textilproduktion. Das 1987 gegründete "Lebende Textilmuseum" in einer ehemaligen Bandfabrik gibt Einblick in die Geschichte der Bandweberei und in das Alltagsleben im ehemaligen "Bandlkramerlandl". Das Schloss, im 19. Jahrhundert als Fabrik genutzt, ist seit 1891 im Besitz der Gemeinde und wurde in den 1980er Jahren umfassend restauriert.